Allein in den letzten Wochen sorgten Alkoholverbote, Tischlämpchen-Verbote, Feuerverbote, Verbote für Einweg-E-Zigaretten oder Social-Media-Verbote für mediales Aufsehen. Jedes einzelne Verbot dieser Art nagt an der bürgerlichen Freiheit.
Für Alessia (19) ist die Sache klar: Der Verkauf von Alkohol an Bahnhöfen muss auch in der Schweiz analog zu Deutschland verboten werden. Schliesslich ist sie schon einmal an einem Bahnhof von einem Betrunkenen angepöbelt worden. Tamara (35) und JP (40) haben zwar Sympathien dafür, bezweifeln aber, ob so ein Verbot wirksam wäre. Spider (49) aus Winterthur möchte den Alkohol am liebsten auch in den Zügen verbieten. EVP-Nationalrat Marc Jost wiederum sieht für ein Alkoholverbot keinen Bedarf.
In der 20-Minuten-Community überwiegt in diesem natürlich zufälligen Umfrageergebnis die Skepsis gegenüber einem Verbot. Das ist eine löbliche Ausnahme. Denn die Sehnsucht nach Verboten und anderen staatlichen Interventionen ist grundsätzlich gross. Gibt es irgendein Problem, wird sofort nach dem Staat und neuen Verboten gerufen. Verbote sind sowohl in der Bevölkerung als auch bei Politikern äusserst beliebt. Die Themenpalette für Verbote im Alltag ist schier unendlich gross, man denke etwa an Werbeverbote, Social-Media-Verbote im Namen des Jugendschutzes, Tabakverbote, Sprechverbote, Verbote von invasiven Pflanzen, Hundeverbote, Tischlämpchen-Verbote in der Aussengastronomie und vieles mehr.
Als Politiker kann man mit Verboten gestalten, Wahlkampf führen, Macht über andere ausüben, sich in die Schlagzeilen bringen, die Bevölkerung erziehen. Der Stimmbürger wiederum kann dank amtlichen Verboten all das wegregulieren lassen, was ihm persönlich nicht in den Kram passt – etwa Laubbläser oder Plakatwerbung – und auf diese Weise die Vollstreckung seiner Wünsche an den Staat übertragen. Dabei hätte man das Problem mit den zweifellos lästigen Laubbläsern ja vielleicht auch ohne Papa Staat lösen können! Doch der Weg über das Verbot ist einfacher, anonym und weniger schmerzhaft. Ja, das staatliche Verbot ist ein Zugewinn an Bequemlichkeit, aber leider auch an Bevormundung.
Jedes Verbot ist eine Beschneidung der Freiheit und damit eine Schwächung der Eigenverantwortung und der Zivilgesellschaft. Wo alles entweder vorgeschrieben oder verboten ist, ist nur noch wenig Raum für eigenständige Entscheide und selbstbestimmte Lebensführung. Mit der regulatorischen Einhegung unserer Handlungsmöglichkeiten hat auch das eigenständige Denken nur noch wenig Auslauf. Dass man bei einer langanhaltenden Trockenheit im Wald kein Feuer macht, müsste eigentlich auch ohne amtliches Feuerverbot jedem klar sein, der selber denken kann. Doch das Selberdenken kann als Kulturtechnik leicht verlorengehen, wenn man gelernt hat, dass der Staat alles regelt.
Eine ausgeprägte Verbotskultur ist nicht nur ein Indikator dafür, dass die Freiheit erodiert; sie scheint als Wert ohnehin in einer Krise zu stecken, weil sie zuweilen anstrengend ist. Die Konjunktur der Verbote, die unser Leben bis zum Tischlämpchen oder in den eigenen Garten verfolgt, zeigt, dass auch der gesellschaftliche Kitt am Bröckeln ist. Eine Gesellschaft, die für alles verbriefte Regeln oder Verbote braucht, hat ihren inneren Zusammenhalt verloren. Sie wird mehr schlecht als recht durch die anonyme staatliche Regulierung zusammengehalten und nicht mehr durch einen zivilen Gemeinsinn im Sinne eines freiwillig vereinbarten Konsenses auf Basis der Eigenverantwortung und Anständigkeit eines jeden.
Je mehr Verbote, desto mehr Entmündigung. In der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie muss man über weite Strecken sogar von einer bewussten Selbstentmündigung sprechen. Wohin das führt? Der Ökonom Jan Schnellenbach formulierte es mit Blick auf den sogenannten «libertären Paternalismus» (Nudging) einmal so: Eigenverantwortung funktioniert wie ein Muskel: Wenn man ihn nicht nutzt, verkümmert er. Das lässt nichts Gutes ahnen.