Warum Oerlikon gross wurde

Warum wurde aus dem kleinen, sumpfigen Oerlikon ein Industriestandort, während das einst stolze und wohlhabende Schwamendingen ein Dorf blieb? Die Antwort liegt in einem historischen Fehlurteil der Schwamendinger Elite, das noch heute lehrreich ist.

In Schwamendingen hatte man es gut. Zumindest bis Mitte des 19. Jahrhunderts war man in dieser Gegend im Norden Zürichs der Platzhirsch, insbesondere im Vergleich zum Weiler Oerlikon, der ein unselbständiger Teil Schwamendingens war und weder eine eigene Kirche noch eine Schule besass. Noch im Jahr 1850 hatte Oerlikon nur gerade knapp 500 Einwohner. Schwamendingen war zwar nicht wesentlich grösser, aber im Unterschied zum sumpfigen Oerlikon hatte man hier fruchtbares Ackerland. Das hatte viele Bauern wohlhabend gemacht. Ausserdem waren viele von ihnen im Fuhrwesen zwischen Zürich und Winterthur tätig. Alles lief in geordneten Bahnen. Es hätte immer so weitergehen können.

Doch dann kam eine technische Revolution in Form der Eisenbahn. Ursprünglich hatte man geplant, die Nordostbahn über das wohlhabende Schwamendingen zu führen. Aber die schon damals strukturkonservativen Bauern wehrten sich mit Händen und Füssen. Sie wollten die neue Zeit nicht wahrhaben und glaubten, mit Widerstand ihr Geschäft sowohl im Fuhrwesen als auch im Ackerbau retten zu können. Ein Fehlurteil, das in Schwamendingen bis heute sichtbar ist.

Weil die Schwamendinger nicht wollten, baute man die Eisenbahnlinien von Zürich nach Winterthur, Bülach und Uster über Oerlikon und machte einen grossen Bogen um das bockige Schwamendingen. Anders als in Schwamendingen nahmen die Oerlikoner die neue Zeit gerne entgegen. Und so wurde der kleine sumpfige Weiler zum Eisenbahnknotenpunkt und zum boomenden Industriestandort. 1876 siedelte sich die Maschinenfabrik Oerlikon an, 1895 kam die Accumulatoren-Fabrik dazu und ab 1906 stand hier die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, um nur die grössten zu nennen. Es gab auch kleinere Industriebetriebe, etwa die Margarinefabrik Vogel an der Tramstrasse. Die Margarine war wie das Milchpulver eines der ersten industriell hergestellten Lebensmittel.

In der Folge wuchs Oerlikon und emanzipierte sich von Schwamendingen. 1930, wenige Jahre vor der Eingemeindung in die Stadt Zürich, wohnten 12'500 Personen hier. Schwamendingen blieb ein Bauern- und Gewerbedorf, verpasste die Industrialisierung und hatte 1930 nur knapp 2500 Einwohner. Mit dem boomenden Oerlikon vor der Nase wurde Schwamendingen bald zur Gartenstadt, also zum Wohnquartier für die Industriearbeiter.

Das zeigt sich auch in den Einwohnerzahlen. Im Jahr 2000 zählte Oerlikon knapp 18'000 Einwohner, Schwamendingen hingegen gut 28'000. Heute ist Schwamendingen ein reines Wohnquartier mit einem hohen Anteil an preisgünstigen und genossenschaftlichen Wohnungen. Oerlikon hingegen ist nach wie vor ein wichtiger Unternehmensstandort und verfügte im Jahr 2001 noch immer über 15'100 Arbeitsplätze.

Und die Moral von der Geschichte? Auf lange Frist lässt sich die Weiterentwicklung der Gesellschaft eben auch durch bäuerlichen Widerstand nicht aufhalten.

P.S.: Die hier Schreibende ist stolze gebürtige Schwamendingerin.

Beat Jans' politische Analysen

Bundesrat Beat Jans erklärt seinem Publikum die Welt gerne in leichter Sprache. Nehmen wir die Zuwanderung als Beispiel. Im Abstimmungskampf zur «10-Millionen-Initiative» rief er an einem Anlass auf dem Novartis-Campus den Anwesenden zu, das Unispital Basel müsse bei einem Ja zur Initiative «von heute auf morgen schliessen.» Auch wenn die Probe aufs Exempel nicht stattfinden kann, weil die Initiative abgelehnt wurde, wissen wir: Diese Aussage war zwar einfach zu verstehen, aber sie war Quatsch. Dass sie ihre beabsichtigte Wirkung erzielte, nämlich die Angst vor einem Ja zu schüren, steht allerdings zu befürchten.

Nun zieht Beat Jans ins nächste Gefecht – gegen die Kompass-Initiative – und lässt sich deshalb zu demokratietheoretischen Analysen über das Ständemehr hinreissen. Die Initiative beabsichtigt bekanntlich, dass die für die Zukunft der Schweiz so wegweisende Abstimmung über die EU-Verträge mit der vorgesehenen dynamischen Rechtsübernahme auch dem Ständemehr unterstellt wird.

Doch das Ständemehr ist ein Problem für die Demokratie. Das findet zumindest Beat Jans. So erklärte er Mitte August an einer Pressekonferenz – wiederum in gefühlt leichter Sprache und heftig gestikulierend: «Wenn die kleinen Kantone mehr Gewicht erhalten, also ihre Stimmen werden dann mehr gezählt, ist das nicht zwingend gut für die Demokratie.»

Das Ständemehr gehört aber zur politischen und historischen DNA der Schweiz. Das müsste selbst ein SP-Mann wie Beat Jans wissen. Das Ständemehr ist die Lebensgrundlage des föderalistischen Staatsmodells. Es schützt die kleinen Kantone und das ländliche Gebiet bei Fragen von Verfassungsrang vor der Tyrannei der Grossen und der Städte, was der SP, die in den Städten stark und auf dem Land eher schwach ist, natürlich ein Dorn im Auge ist. Das Ständemehr ist ein Gesellschaftsvertrag zwischen Stadt und Land, Gross und Klein. Die Kritik der SP am Ständemehr zeigt, dass es der Partei mit dem Minderheitenschutz, den sie sich bei jeder Gelegenheit auf die Fahne schreibt, nicht wirklich ernst ist. Sie ruft ihn nur dann an, wenn es ihr ins Parteiprogramm passt. Als grundsätzliche Staatsidee im Sinne der föderalen Schweiz gefällt er ihr offenkundig nicht.

Dass die SP dem Zentralismus frönt, ist keine neue Erkenntnis. Es ist aber der Föderalismus, der die Schweiz erfolgreich gemacht hat – der Wettbewerb der Standorte, das dezentrale Lösen von politischen oder gesellschaftlichen Aufgaben möglichst nahe an der Bevölkerung und eben nicht irgendwo in einer fernen, abgehobenen Zentralbehörde.

Wer das Ständemehr grundsätzlich in Frage stellt, stellt auch den Föderalismus zur Disposition. Das wiederum ist das Eingangstor für eine Tyrannei der Mehrheit, wie sie Alexis de Tocqueville beschrieben hat. Was das konkret bedeuten kann, sieht man schon heute anhand des nationalen Finanzausgleichs, bei dem sich eine überwiegende Mehrheit von Nehmern einer kleinen Minderheit von Gebern gegenüberstehen. Gut oder gerecht ist das das nicht.

Mehr schöpferische Zerstörung, bitte!

Die Schweiz zahlt einen hohen Preis für den Schutz ihrer Bauern. Die Subventionen sind es nicht allein. Die Obstruktion des Bauernverbands gegenüber Freihandelsabkommen gefährdet den Wohlstand des Landes. Um unseres Wohlstands Willen braucht es endlich eine klare Ansage an die Bauern.

Im Jahr 2006, Bundesrat Joseph Deiss war damals Schweizer Wirtschaftsminister, schien ein Freihandelsabkommen mit den USA greifbar. Doch der Bauernverband vermasselte aus Eigennutz diesen «Deal». Die Leidtragende war die Schweizer Wirtschaft und mit ihr die ganze Schweizer Bevölkerung. Eine verpatzte Chance der gröberen Art und peinlich für den Dienstleistungs- und Technologiestandort Schweiz. Die Profiteure waren selbstredend die Bauern.

Legion ist auch die aggressive Kampagne der organisierten Schweizer Landwirtschaft gegen Liberalisierungen im Rahmen der Doha-Runde der WTO. Man erinnert sich etwa an den «Norwegermarsch» vor mittlerweile über 20 Jahren. Das war ein grenzüberschreitender Protestmarsch der superreichen, will heissen der am höchsten subventionierten Landwirte der Welt, zu denen sich natürlich auch die Schweizer Bauern gesellten. Diese Aktion richtete sich ganz gezielt gegen die Interessen der Bauern in ärmeren und armen Ländern. Ihnen sollte der Zugang zu den reichen Konsumentenmärkten verbaut bleiben. Soviel zur Solidarität des Schweizer Bauernverbands, der seinerseits für sich selber so viel Solidarität einfordert.

An dieser auf maximalen Eigennutz fixierten Politik des Bauernverbandes hat sich in den letzten 20 Jahren offenbar nichts geändert. Das zeigt sich gegenwärtig in Zusammenhang mit dem Mercosur-Abkommen. Der Bauernverband bedroht das Abkommen mit einer dreisten Forderung nach zusätzlichen Subventionen. Es scheint, als wolle er wie ein kleines, trotziges Kind seine Grenzen austesten. Dieses Verhalten sorgt selbst in SVP-Kreisen für Empörung, zumindest beim marktwirtschaftlich-unternehmerisch orientierten Flügel. Unternehmer Peter Spuhler sprach von einem «massiven Vertrauensbruch».

Nun soll der Bauernverband seine unverschämte Drohkulisse zumindest teilweise etwas zurückgebaut haben. Aber nach wie vor steht ein hoher Betrag an zusätzlichen Subventionen im Raum – ein Teil davon in Form zinsloser Darlehen. Es brauche diese zusätzlichen Steuergelder, um wettbewerbsfähig zu bleiben, heisst es.

Aber dieses Argument ist absurd. Um wettbewerbsfähig zu sein, braucht die Schweizer Landwirtschaft nicht mehr, sondern weniger Subventionen. Die immensen Transfergelder, die direkt oder indirekt in den Schweizer Agrarbereich fliessen, verhindern den dringend notwendigen Strukturwandel und zementieren den Ist-Zustand. Das viele Kapital verleitet zu Fehl- und Überinvestitionen. Wenn das Geld sozusagen von selber kommt und die ausländische Konkurrenz durch hohe Zölle ferngehalten wird, muss man sich überdies über Innovation und Wettbewerb keine Gedanken machen.

Was die Landwirtschaft wirklich braucht, um fit zu werden, ist nicht mehr Staatsgeld, sondern mehr Wettbewerb – kurz: mehr schöpferische Zerstörung. Das würde – konsequent umgesetzt – ohne Zweifel zu unangenehmen Situationen und mancher Unbill führen, wie es der von Joseph A. Schumpeter geprägte Begriff trefflich impliziert. Unrentable Betriebe würden eingehen, aber andere könnten davon profitieren und mit neuen Ideen durchstarten. Kurzum: Es wären Umstände, wie sie jedes Unternehmen auf dem Markt antrifft, solange es kein subventionierter Bauernhof ist. Nur die marktwirtschaftliche Dynamik kann die Schweizer Landwirtschaft wettbewerbsfähig machen. Im Sumpf der Subventionen bleibt sie stecken.

Die jüngsten agrarpolitischen Vorschläge des Bundesrats zeigen in die richtige Richtung. Weniger Subventionen, mehr marktwirtschaftliche Dynamik, mehr Rücksicht auf die Natur. Kritik aus Landwirtschaftskreisen folgte auf dem Fusse. Und das Parlament ist bekannt dafür, die Wünsche der Bauernlobby auf Kosten der Steuerzahler zu erfüllen. Man darf gespannt sein, was am Schluss von dieser «Agrarpolitik 2030» noch übrigbleibt.

Gedanken zum 1. August

Präambeln von Verfassungsdokumenten verraten viel über die Staatsidee, die einem Land oder einer supranationalen Organisation zugrunde liegt. Ein Vergleich der Schweizer Präambel mit derjenigen der EU lässt sich so beschreiben: majestätische EU, republikanische Schweiz.

Wer sich die Frage stellt, ob die Schweiz mit ihrer genossenschaftlichen Staatsidee mental, historisch und kulturell überhaupt zur EU passt und ob sie deshalb einem Rahmenabkommen zustimmen soll, dem sei die Lektüre der Präambeln der jeweiligen Verfassungen empfohlen.

Beginnen wir mit dem «Vertrag über die EU», eine Art EU-Verfassung. Das Dokument in seiner Fassung vom 7. Juni 2016, greifbar über die Plattform EUR-Lex, beginnt wie folgt und zwar in Versalien:

«SEINE MAJESTÄT DER KÖNIG DER BELGIER, IHRE MAJESTÄT DIE KÖNIGIN VON DÄNEMARK, DER PRÄSIDENT DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND, DER PRÄSIDENT DER GRIECHISCHEN REPUBLIK, SEINE MAJESTÄT DER KÖNIG VON SPANIEN, DER PRÄSIDENT DER FRANZÖSISCHEN REPUBLIK, DER PRÄSIDENT IRLANDS, DER PRÄSIDENT DER ITALIENISCHEN REPUBLIK, SEINE KÖNIGLICHE HOHEIT DER GROSSHERZOG VON LUXEMBURG, IHRE MAJESTÄT DIE KÖNIGIN DER NIEDERLANDE, DER PRÄSIDENT DER PORTUGIESISCHEN REPUBLIK, IHRE MAJESTÄT DIE KÖNIGIN DES VEREINIGTEN KÖNIGREICHS GROSSBRITANNIEN UND NORDIRLAND

ENTSCHLOSSEN, den mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaften eingeleiteten Prozess der europäischen Integration auf eine neue Stufe zu heben…»

Könige, Königinnen und andere erlauchte Staatsoberhäupter haben also beschlossen, wie Europa gestaltet wird.

In der Verfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Stand 3. März 2024, greifbar über die Plattform Fedlex, lautet die Präambel etwas anders, nämlich so und ohne Versalien:

«Im Namen Gottes des Allmächtigen!

Das Schweizer Volk und die Kantone,

in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen, geben sich folgende Verfassung:…»

Das Volk und die Kantone bestimmen also, wie der Schweizer Staat gestaltet werden soll.

Ob es weise ist, wenn sich die Schweiz dem «majestätischen» System der EU institutionell anschliesst, entscheidet in der Schweiz kein König, sondern dank der direkten Demokratie der Souverän, also Volk und Stände, falls das Ständemehr zugelassen wird.

Dass die politischen und bürokratischen Eliten der Schweiz grossmehrheitlich für die EU-Verträge sind, mag sich küchentischpsychologisch vielleicht so erklären: Wollten wir als Kinder nicht alle mal Prinz oder Prinzessin sein und über andere befehlen? Manche begleitet dieser Kindheitswunsch offenbar ein ganzes Leben lang.

Und ewig lockt das Verbot

Allein in den letzten Wochen sorgten Alkoholverbote, Tischlämpchen-Verbote, Feuerverbote, Verbote für Einweg-E-Zigaretten oder Social-Media-Verbote für mediales Aufsehen. Jedes einzelne Verbot dieser Art nagt an der bürgerlichen Freiheit.

Für Alessia (19) ist die Sache klar: Der Verkauf von Alkohol an Bahnhöfen muss auch in der Schweiz analog zu Deutschland verboten werden. Schliesslich ist sie schon einmal an einem Bahnhof von einem Betrunkenen angepöbelt worden. Tamara (35) und JP (40) haben zwar Sympathien dafür, bezweifeln aber, ob so ein Verbot wirksam wäre. Spider (49) aus Winterthur möchte den Alkohol am liebsten auch in den Zügen verbieten. EVP-Nationalrat Marc Jost wiederum sieht für ein Alkoholverbot keinen Bedarf.

In der 20-Minuten-Community überwiegt in diesem natürlich zufälligen Umfrageergebnis die Skepsis gegenüber einem Verbot. Das ist eine löbliche Ausnahme. Denn die Sehnsucht nach Verboten und anderen staatlichen Interventionen ist grundsätzlich gross. Gibt es irgendein Problem, wird sofort nach dem Staat und neuen Verboten gerufen. Verbote sind sowohl in der Bevölkerung als auch bei Politikern äusserst beliebt. Die Themenpalette für Verbote im Alltag ist schier unendlich gross, man denke etwa an Werbeverbote, Social-Media-Verbote im Namen des Jugendschutzes, Tabakverbote, Sprechverbote, Verbote von invasiven Pflanzen, Hundeverbote, Tischlämpchen-Verbote in der Aussengastronomie und vieles mehr.

Als Politiker kann man mit Verboten gestalten, Wahlkampf führen, Macht über andere ausüben, sich in die Schlagzeilen bringen, die Bevölkerung erziehen. Der Stimmbürger wiederum kann dank amtlichen Verboten all das wegregulieren lassen, was ihm persönlich nicht in den Kram passt – etwa Laubbläser oder Plakatwerbung – und auf diese Weise die Vollstreckung seiner Wünsche an den Staat übertragen. Dabei hätte man das Problem mit den zweifellos lästigen Laubbläsern ja vielleicht auch ohne Papa Staat lösen können! Doch der Weg über das Verbot ist einfacher, anonym und weniger schmerzhaft. Ja, das staatliche Verbot ist ein Zugewinn an Bequemlichkeit, aber leider auch an Bevormundung.

Jedes Verbot ist eine Beschneidung der Freiheit und damit eine Schwächung der Eigenverantwortung und der Zivilgesellschaft. Wo alles entweder vorgeschrieben oder verboten ist, ist nur noch wenig Raum für eigenständige Entscheide und selbstbestimmte Lebensführung. Mit der regulatorischen Einhegung unserer Handlungsmöglichkeiten hat auch das eigenständige Denken nur noch wenig Auslauf. Dass man bei einer langanhaltenden Trockenheit im Wald kein Feuer macht, müsste eigentlich auch ohne amtliches Feuerverbot jedem klar sein, der selber denken kann. Doch das Selberdenken kann als Kulturtechnik leicht verlorengehen, wenn man gelernt hat, dass der Staat alles regelt.

Eine ausgeprägte Verbotskultur ist nicht nur ein Indikator dafür, dass die Freiheit erodiert; sie scheint als Wert ohnehin in einer Krise zu stecken, weil sie zuweilen anstrengend ist. Die Konjunktur der Verbote, die unser Leben bis zum Tischlämpchen oder in den eigenen Garten verfolgt, zeigt, dass auch der gesellschaftliche Kitt am Bröckeln ist. Eine Gesellschaft, die für alles verbriefte Regeln oder Verbote braucht, hat ihren inneren Zusammenhalt verloren. Sie wird mehr schlecht als recht durch die anonyme staatliche Regulierung zusammengehalten und nicht mehr durch einen zivilen Gemeinsinn im Sinne eines freiwillig vereinbarten Konsenses auf Basis der Eigenverantwortung und Anständigkeit eines jeden.

Je mehr Verbote, desto mehr Entmündigung. In der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie muss man über weite Strecken sogar von einer bewussten Selbstentmündigung sprechen. Wohin das führt? Der Ökonom Jan Schnellenbach formulierte es mit Blick auf den sogenannten «libertären Paternalismus» (Nudging) einmal so: Eigenverantwortung funktioniert wie ein Muskel: Wenn man ihn nicht nutzt, verkümmert er. Das lässt nichts Gutes ahnen.

Die grosse Bildungsrezession

Wie kann es sein, dass heute mehr junge Leute funktionale Analphabeten sind als vor 250 Jahren? Die Ursache liegt in der Ideologisierung der Schule, der Demontage der Familie und der systematischen Dämonisierung des Wettbewerbs.

Für den Achtelfinal der Fussball-WM 2026 erhielten die USA das, was man in der Schule einen Nachteilsausgleich nennt: Der US-Stürmer Folarin Balogun durfte trotz Sperre antreten, nachdem der US-Präsident bei der Fifa angerufen hatte. Geholfen hat es den Amerikanern nicht; sie flogen im Match gegen Belgien raus.

So ähnlich wie den amerikanischen Fussballern dürfte es manch einem gehen, der die Schule oder die Universität nur dank Nachteilsausgleich schafft: Durchfallen und Sitzenbleiben sind zwar abgeschafft, aber wenn es später draufankommt, ist damit nichts gewonnen. Irgendwann kommt im echten Leben die Bewährungsprobe. Das ist nicht nur für den Einzelnen bitter, es schadet auch dem allgemeinen Bildungsstand.

Der Nachteilsausgleich ermöglicht im Namen der Chancengleichheit allerlei Prüfungserleichterungen aufgrund angeblicher Beeinträchtigungen. Er wird mittlerweile auch guten Schülern regelrecht aufgedrängt, wie jüngst die NZZ anhand eines Falls aus Basel berichtet hat. Wie jede andere Subvention wird der Nachteilsausgleich intensiv bewirtschaftet und produziert Fehlanreize.

So bewegt sich das allgemeine Bildungsniveau zwangsläufig abwärts. Das zeigt sich deutlich anhand der Lesefähigkeiten der Bevölkerung. Es gibt heute in der Schweiz anteilmässig mehr funktionale Analphabeten als vor rund 250 Jahren. Um das Jahr 1780 waren in den ländlichen Regionen Zürichs bereits 80 Prozent der (männlichen) Bevölkerung alphabetisiert, das heisst: Sie konnten lesen, was vor allem dem Engagement der reformierten Kirche und anderen evangelischen Gruppen sowie einer kohärenten Pädagogik zu verdanken war.

Die Alphabetisierung schritt im 18. Jahrhundert generell schnell voran, obwohl die Schulen damals lediglich als Winterschulen geführt wurden. Lesen und auch schreiben lernte man auch im häuslichen Bereich, weil es in den Haushalten immer mehr Bücher gab. Man las unter «mütterlicher Anleitung», wie das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) schreibt, oder schrieb aus Büchern ab. Der Schweizer Grossmeister dieser häuslichen Autodidaktik war zweifellos Ulrich (Ueli) Bräker, der – aus ärmsten Verhältnissen stammend – zu einem der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller wurde.

Heute sitzen die Schulkinder nicht nur winters, sondern ganzjährig für mindestens neun Jahre in stylischen Schulhauspalästen, die den Steuerzahler Abermillionen kosten. Die Kinder werden nicht mehr unter «mütterlicher Anleitung» gross, sondern im Kollektiv der Kita. In der Schule werden sie von unzähligen gutbezahlten pädagogischen Fachkräften gefördert. Allein, mit dem Lesen sieht es lausig aus. Jeder vierte Schulabgänger ist heute ein funktionaler Analphabet in der angestammten Schulsprache. Das heisst: Jeder Vierte kann nach neun Schuljahren einen zusammenhängenden Text zwar entziffern, aber nicht verstehen.

Zum Vergleich: Die jugendlichen Arbeiter in den Neuenburger Indiennefabriken des 18. Jahrhunderts konnten im Alter von 16 Jahren fast ausnahmslos lesen, wie das HLS schreibt. In Genf konnte die grosse Mehrheit (auch die Unterschicht) damals auch schreiben; davon zeugen Heiratsurkunden. Es wird geschätzt, dass in der Stadt Lausanne am Ende des Ancien Régime 90 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben konnten.

Wir haben es heute also nicht nur mit einer Bildungsmisere zu tun, sondern mit einer veritablen Bildungsrezession. Das Bildungssystem ist offenkundig höchst ineffizient. Je mehr Geld die Allgemeinheit pro Schüler investiert, desto dürftiger der Bildungserfolg. Der Grund dafür ist neben der aufgeblähten Bürokratie die grundlegende Verteufelung des Wettbewerbs durch Nachteilsausgleich und Gleichheitsideologie. Die Schule strebt das sozialistische Ideal der klassenlosen Gesellschaft an. Am Schluss dieses Prozesses werden in der Schule wirklich alle gleich sein, nämlich gleich schlecht. Den Jungen tut man damit keinen Gefallen.

Helle Köpfe: Moritz Grossmann

Die Schweiz ist nicht durch Staatsangestellte und Umverteilung reich geworden, sondern durch kluges, zupackendes Unternehmertum und liberale Rahmenbedingungen. Noch heute profitieren wir von den Leistungen dieser Pioniere. Ihnen sei die Rubrik «Helle Köpfe» gewidmet. Heute geht es um den Versicherungspionier Moritz Grossmann.

Mit der Industrialisierung kam Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur der technische Fortschritt in die Schweiz, es entstanden auch neue Risiken. Das Bedürfnis, diese Risiken bei einer Schweizer Versicherung zu versichern, folgte auf dem Fusse. Der Schweizer Versicherungsplatz war damals aber erst schwach ausgebildet, was 1858 eine Gruppe von St. Galler Textilindustriellen veranlasste, mit der Helvetia die erste Schweizer Transportversicherung zu gründen. Allein – woher sollte man einen guten Direktor nehmen?

Ein Schweizer war nicht zu finden. Die Wahl fiel deshalb auf den Österreicher Moritz Grossmann (1830-1910), was sich später als Glücksfall nicht nur für die Versicherungsbranche, sondern für die Entwicklung des noch jungen Schweizer Bundesstaates insgesamt erweisen sollte.

Grossmann kam 1830 in Galizien als Sohn eines Arztes auf die Welt und genoss seine Ausbildung in Wien, wo er sich neben den Handelswissenschaften mit besonderer Vorliebe der Mathematik hingab, wie es in seinem Nachruf heisst. In Triest, wo er seine beruflichen Lehrjahre im Assekuranzgeschäft verbrachte, erreichte ihn – gerade einmal 28 Jahre alt – der Ruf aus St. Gallen. Er sollte für den Rest seines Lebens in St. Gallen bleiben, Schweizer werden und den Schweizer Versicherungsplatz wesentlich prägen.

Hohe Begabung, tiefe Gründlichkeit und unermüdliche Arbeitsfreude – das waren im Urteil seiner Zeitgenossen die Ingredienzen, die ihn zu einer Schlüsselfigur des Schweizer Erfolgsmodells machen sollten. Ein feines Gespür für das Notwendige und Richtige kam hinzu. Unter Grossmanns Führung legte die Helvetia schnell zu. Im Mai 1861 brannte Glarus und der Schaden in der Höhe von rund 10 Millionen Franken war für damalige Verhältnisse gigantisch und brachte den Kanton Glarus an den Rand des Ruins – ein Fanal. Grossmann hatte sich schon länger mit der Problematik einer Feuerversicherung beschäftigt; Gedanken, die mit der Gründung der Helvetia Feuerversicherungs-Gesellschaft 1861 auch umgesetzt wurden. Ihr Direktor hiess – wenig verwunderlich – Moritz Grossmann.

Doch für Grossmann war die Geschichte damit nicht zu Ende. Im Sommer 1863 legte er dem Verwaltungsrat der Helvetia ein Gutachten und ein Konzept «zur Gründung einer Rückversicherungsgesellschaft in Zürich durch die Schweizerische Kreditanstalt» vor. Damit wollte Grossmann dafür sorgen, dass Prämiengelder und Gewinne im eigenen Land blieben und nicht über den Kanal der Rückversicherung ins Ausland abflossen, wo es solche Gesellschaften schon gab.

Und so traten auf Anregung von Moritz Grossmann noch im gleichen Jahr Alfred Escher mit der Kreditanstalt und die Basler Handelsbank auf den Plan. Schnell war die Rückversicherung formell gegründet, wobei auch Gottfried Keller, seines Zeichens Erster Staatsschreiber, im wahren Wortsinn seine Hand im Spiel hatte. Doch der Anfang war krisengeschüttelt, nicht zuletzt aus personellen Gründen. Es war wiederum Grossmann, der das Problem löste, indem er den jungen, aber gleichsam in Versicherungsdingen erfahrenen Giuseppe Besso aus Triest als Direktor zur Rückversicherung holte. Diese Wahl erwies sich als goldrichtig. Besso blieb Direktor bis 1879. Sein Sohn Michele sollte einer der engsten Freunde und Weggefährten von Albert Einstein werden.

Grossmann blieb Direktor bis zu seinem Tod. Doch er war nicht nur Direktor zweier Versicherungen unter dem Dach der Helvetia. Er war «mit Leib und Seele der Musik ergeben», wirkte als Kunstmäzen und hatte immer «ein offenes Ohr und ein warmes Herz» für die grösseren und kleineren Wünsche seiner Mitmenschen, wie es in seinem Nachruf heisst. Er war Mitglied in verschiedenen kulturellen Komitees und Kommissionen. Noch lange werde man ihn nicht vergessen, schrieb das St. Galler Tagblatt im März 1910; ihn, «der mit weitausschauendem Blick, mit kraftvoller Energie und Schaffensfreudigkeit so Grosses geleistet hat.»

Auszug aus: Claudia Wirz: «Risiko, Solidarität und Mathematik – die Schweizer Versicherungswirtschaft und ihre Geschichte». Verein für wirtschaftshistorische Studien, 2025. ISBN: 978-3-909059-89-8

Die Kampagne ist eröffnet

Ein Jubelbericht der Tagesschau von SRF vom 25. Juni zeigt: Die Abstimmungskampagne zum Rahmenabkommen mit der EU, den sogenannten «Bilateralen III», ist eröffnet.

Donnerstag, 25. Juni 2026. Die SRF-Tagesschau berichtet artig über einen neuen Bericht des Bundes zur Personenfreizügigkeit mit der EU. Es ist eigentlich mehr eine bundesrätliche Verlautbarung als ein journalistischer Beitrag. Denn es gibt nur gute Nachrichten von oben zu vermelden. Kritisches Hinterfragen bleibt aus. Und so bekommen die Zuschauer Folgendes zu sehen und zu hören: Die Personenfreizügigkeit ist ein Segen. Dank ihr ist der Wohlstand in der Schweiz gewachsen, ein Verdrängungskampf auf dem Arbeitsmarkt zulasten der Einheimischen konnte die hohe Behörde in Bern nicht feststellen und die Zugewanderten sind sowieso fleissiger als die Einheimischen. Es gibt also keinen Grund für Beschwerden.

Um der Verlautbarung eine journalistische Note zu verleihen, holt SRF noch zwei O-Töne ein, allerdings von zwei Befürwortern der Rahmenverträge zwischen der Schweiz und der EU. Fürs Protokoll darf der Gewerkschafter für wenige Sekunden, aber ganz harmlos die Lohnfrage und das Kaufkraft-Narrativ der SP ansprechen, und der Arbeitgebervertreter darf ein paar abgetragene Floskeln zum Dichtestress vortragen, ohne jedoch auch nur den geringsten Zweifel am Segen der Zuwanderung aufkommen zu lassen. Über die Zukunft der direkten Demokratie oder die Zersiedelung der Landschaft, über die Überlastung der Infrastrukturen und den durch den Dichtestress zwangsläufig verstärkten Verdrängungskampf wird in dem Beitrag nicht gesprochen. Die Abstimmungskampagne zu den Rahmenverträgen ist eröffnet!

Das Boomer-Bashing geht weiter

Es ist Mode geworden, den Boomern für alle möglichen Probleme die Schuld zu geben. Sie sind angeblich faul, sitzen in zu grossen Wohnungen, überstimmen die Jungen oder beziehen zu hohe Renten. Solche Polemik zeigt, dass man über die echten Probleme der Wohlstandsgesellschaft nicht reden will.

Die Schweiz hat eine Krankheit. Nennen wir sie Morbus opulentiae, die Wohlstandskrankheit. Die wichtigsten Symptome lassen sich wie folgt beschreiben: wachsender Sozialstaat, wachsende Bürokratie, wachsender Staatshaushalt, wachsende Subventionen, steigende Steuern und Abgaben, wachsende Akademikerpopulation, hohe Zuwanderung und angeblicher Fachkräftemangel bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit und Teilzeitboom.

Statt effektive Therapien für diese Symptomatik zu suchen, moralisiert man lieber. Schuld sind die Alten, die Boomer. Sie werden regelmässig als Sündenbock auf den Jahrmarkt der politischen Eitelkeiten gezerrt. Sie sässen in zu grossen Wohnungen, seien faul, bezögen zu viel Rente und installierten eine «Gerontokratie», heisst es dann. Gerade eben hat der Think Tank Avenir Suisse wieder einmal festgestellt, dass die Alten bei den Abstimmungen das Sagen haben. Neu ist diese Erkenntnis nicht; sie ist sozusagen eine alte Kamelle.

Den Alten daraus einen Strick zu drehen ist allerdings verfehlt. Die Alten können nichts dafür, wenn 70 Prozent der 25- bis 39-Jährigen bei Wahlen und Abstimmungen fernbleiben. Les absents ont tort, die Abwesenden haben unrecht, lautet ein weises Wort. Will heissen: Wer nicht da ist, ist im Nachteil, weil er den anderen das Handeln überlässt. Im konkreten Fall der Stimmbeteiligung fusst dieses «Unrecht» auf einem freien Entscheid. Es gehört zu einer freiheitlichen Gesellschaft, mit den Konsequenzen des eigenen Tuns oder Unterlassens zu leben.

Allein der allumfassende Sozialstaat empfindet die Eigenverantwortung als Zumutung und hebelt sie konsequent aus. Die schon oft diskutierte Gewichtung der Stimmkraft nach Altersgruppen zulasten der Alten ist typisch für dieses Sozialstaatdenken. Es ist wie mit dem boomenden Nachteilsausgleich in den Schulen und an den Universitäten: Man löst Probleme nicht, sondern schüttet sie mit noch mehr Umverteilung zu.

Ebenso verfehlt ist die jüngst getätigte Feststellung des Arbeitgeberverbands, die wahren Teilzeit-Künstler seien die über 50-Jährigen, nicht die Jungen. Nun ist es aber ein gewaltiger Unterschied, ob man nach 30 intensiven Berufsjahren etwas kürzertritt oder ob man als Teenager bereits die Lehre in Teilzeit beginnen will – eine Forderung, die inzwischen viele Lehrbetriebe von Bewerbern zu hören bekommen.

Teilzeit ist aber nicht zuletzt ein Akademikerphänomen, das räumt auch der Arbeitgeberverband ein. Das bedeutet: Die Löhne sind offenbar so hoch, dass man als junger Akademiker gar nie Vollzeit arbeiten muss. Wächst die Akademikerpopulation, dürfte also auch die Teilzeit bei den Jüngeren zunehmen. Und weil Akademiker wegen der guten Löhne und den angenehmen Bedingungen gerne beim Staat arbeiten, dürfte auch das Staatspersonal wachsen und mit ihm die Bürokratie, während nichtakademische Berufe erodieren und Gewerbler auf dem freien Markt unter dem Bürokratieboom ächzen. Hatte das alles nicht einmal ein berühmter österreichischer Ökonom trefflich vorausgesagt?

Teilzeit ist auch deshalb insbesondere bei Akademikern so beliebt, weil sie der Staat gezielt fördert. Wer durch eine Reduktion des Arbeitspensums weniger verdient, zahlt dank der Progression auch viel weniger Steuern, erhält dafür Zuschüsse für Kita und Prämienverbilligungen. Genau hier liegt der Hase im Pfeffer! Umverteilung ist nicht die Lösung, sie ist das Problem.

Von der Demokratie zum Versorgerstaat

Demokratische Entscheide sind immer eine Güterabwägung. An ihnen lässt sich ablesen, was eine Gesellschaft mehrheitlich gerade für wichtig hält und was nicht. Zurzeit stecken Freiheit und Selbstbestimmung in einer Krise, während Sicherheit und Versorgerstaat an Wert gewinnen. Sind die Menschen freiheitsmüde geworden?

Die definitive Analyse zur Abstimmung vom 14. Juni über die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative steht noch aus. Gleichwohl lässt sich schon jetzt eine Tendenz bestätigen, die sich schon länger abzeichnet. Sicherheit ist der Mehrheit wichtiger als Freiheit und Selbstbestimmung. Man mag es in unserer Wohlstandsgesellschaft nicht gern anstrengend oder unbequem, riskant schon gar nicht. Deshalb funktionieren Abstimmungskampagnen gut, wenn sie Reformen mit Angstszenarien bekämpfen.

Schon bei den Voten zu den SRG-Gebühren, zur 13. AHV-Rente und zur Widerspruchslösung bei der Organspende hat sich dieses Grundrauschen manifestiert. In einer materiell satten, aber geopolitisch verunsicherten Welt werden Sicherheit und Versorgung offenbar höher gewichtet als Freiheit und Eigenverantwortung. Man hat schliesslich viel zu verlieren und reagiert sensibel auf Chaosdrohungen.

Das Ja zur Widerspruchslösung vom Mai 2022 sticht da besonders heraus: Aus schierer Angst, man könnte möglicherweise selber mal auf einer Warteliste für ein Spenderorgan stehen, war eine Mehrheit von 60 Prozent bereit, die Hoheit über den eigenen Körper dem Staat abzutreten. Fortan ist der eigene Körper eigentlich nur noch eine staatliche Leihgabe. Dieses Votum steht interessanterweise in krassem Gegensatz zur Tatsache, dass zum Zeitpunkt der Abstimmung nur ein winziger Teil der Bevölkerung einen Spenderausweis bei sich trug, und dies trotz massiver staatlicher Kampagnen. Das heisst: Man wünscht offenbar, dass einem der Staat schwierige Entscheide fürsorgerisch abnimmt, selbst wenn sie höchstpersönlich sind.

Dieser tiefe Glaube an den Segen des Versorgerstaats kommt auch im Ja zur 13. AHV-Rente und im Nein zur Senkung der SRG-Gebühren zum Ausdruck. Für «geregelte Verhältnisse» ist man ist gerne bereit, Geld und Selbstbestimmung preiszugeben. Diese Gemütslage dürfte auch bei der Abstimmung über die sogenannten «Bilateralen III», die EU-Rahmenverträge, bestimmend sein. Es wird schwer werden, den Wert der direkten Demokratie gegen die Verheissungen und sozialen Versprechen der «geregelten Verhältnisse» zu verteidigen. Denn mit der Demokratie ist es wie mit der Gesundheit: Erst wenn sie weg ist, tut es weh.